Sächsische Zeitung vom 02.01.2015
Vocalensemble mit Fünf-Sterne-Bach
Nur einen Teil des zweistündigen Werk, das wir heute die h-Moll-Messe nennen, schickte Bach l733 nach Dresden, um vom neuen Kurfürsten zum Hofcompositeur ernannt zu werden. Erst viel später komplettierte er "Kyrie" und "Gloria" zur liturgisch vollständigen Messe. Dabei adaptierte er mehrheitlich Melodien aus dem eigenen Fundus, im "Crucifixus" etwa zitierte er eine frühe-Kantate, die wiederum stark von Vivaldi inspiriert war. Wofür diese Messe bei ihrer Vollendung 1749 gedacht war ist bis heute ein Rätsel. Neuerdings vermutet man einen Auftrag aus Wien. Wer sich diesem Meisterwerk stellt, dass in der Romantik seine Wiedergeburt erlebte, geht an Grenzen. Das Sächsische Vocalensemble und die Batzdorfer Hofkapelle boten am Silvesterabend in der Dresdner Annenkirche ejne historisch kundige und zutiefst berührende Interpretation. Matthias Jung nutzte Bachs stilistischen Reichtum, die außerordentlichen Qualitäten seines Chors auszuloten. Nuancierte Feierlichkeiten zu Marias Niederkunft und "Gottes Menschwerdung" pulsierende Dramatik zur Kreuzigung, strahlende Pracht zur Auferstehung - fast jede Zeile des sprachgewaltigen präzisen Messetextes ging unter die Haut.
Aus den reizvollen Duetten zwischen lnstrumental- und Vokalstimmen ragte "Qui sedes" heraus. in dem sich Luise Haugks Oboe und Benno Schachtners Altus zum betörenden Zwiegesang fanden. Dessen Solo im "Agnus Dei'". versilbert von Geigen und Lauten. und das zu Herzen gehende "Dona nobis pacem" des Chores krönten dann das Finale. Der Beifall wollte nicht enden -für einen glitzernden Fünf. Sterne-Abend jenseits irdischen Partygetöses.
Jens-Uwe Sommerschuh